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reprise.01
Marsch, Walzer, Polka Martin Schläpfer
Forellenquintett Martin Schläpfer
Reformationssymphonie Martin Schläpfer
Marsch, Walzer, Polka
Martin Schläpfer
Ein geheimnisvolles Tremolo scheint eine anmutige Landschaft zu beschreiben. Wie sanfte Wellen schlagen Motivsplitter an die Oberfläche. „An der schönen blauen Donau“ beginnt sich zu drehen. Immer wieder neu entwickelt sich der musikalische Fluss, holt Schwung, ja gewinnt Kraft aus den berühmten Verzögerungen. Die Musik keiner Stadt trägt diese Möglichkeit in sich, in einem einzigen Takt alles auszudrücken: den Heurigen, das (wohlige) Aussetzen des Herzschlags, den Blick in die Unendlichkeit – und dasjenige dahinter. Strauß, Vater und Söhne, das heißt: Walzertraum und Tanzekstase, Lebensmelodie im Dreivierteltakt und fröhliche Ausgelassenheit, Unterhaltung und Selbstbefreiung, aber auch Melancholisches, Versponnenes, oft Ausbrechendes bis hin zum Eskapismus oder in die Hysterie – eine Musik, die auch die Nachtseiten kennt, so gefährlich wie süß ist.
„Dass alle Sehnsucht größer ist als die Erfüllung, und dass gerade die übergroße Leidenschaft das Scheitern bedingt, selten hat man das so genüsslich seziert gesehen“, schrieb die Stuttgarter Zeitung über Martin Schläpfers ebenso liebevollen wie ironisch-distanzierten Blick auf die ganz eigene Musik-, Tanz- und Befindlichkeitskultur der österreichischen Metropole in seinem „Wien-Ballett“ „Marsch, Walzer, Polka“. Sie kreiseln mit imaginären Partnern, wiegen sich im Spagat, lauschen versonnen, wenn die Geigen im Orchester am heftigsten „schluchzen“, entdecken die lauernde Verzögerung des Tangos für den Walzer und den Spitzenschuh als gefährliche Waffe, begegnen sich wie sommernachtstrunkene Schlafwandler voll unerwarteter Zartheit, verlieren die Nerven und bekommen schlotternde Knie, statt stramm und strahlend vor einem imaginären k. & k.-General zu defilieren – die Tänzerinnen und Tänzer, die die Bühne bevölkern. Fern aller Opernballklischees gelingt Martin Schläpfer in „Marsch, Walzer, Polka“ eine feinsinnige Ausbalancierung des so wienerischen Zwiespalts zwischen Euphorie und Melancholie, großem Gefühl und burlesker Komik.
MUSIK
„An der schönen blauen Donau“ Walzer op. 314 und „Annen-Polka” op. 117 von Johann Strauß (Sohn)
„Sphärenklänge“ Walzer op. 235 von Josef Strauß
„Radetzky-Marsch“ op. 228 von Johann Strauß (Vater)
FORELLENQUINTETT
Martin Schläpfer
Als wäre es ein Traum reibt sich eine Tänzerin die Augen, als sie plötzlich mitten in einer anderen Welt steht: Ein Wald in einer Sommernacht, ein glänzender See, in dem sich das Mondlicht bricht – ein labyrinthischer Ort, der zu einem Treffpunkt unterschiedlichster Gestalten wird. Liebespaare begegnen sich und wechseln – gerade noch zärtlich umschlungen – in rasendem Tempo die Partner als wärs ein Shakespearescher „Sommernachtstraum“, ein einsamer Poet, Sonderling und dem Weine zugetan, landet nie bei einer Frau und verwandelt sich urplötzlich mit wilden Sprüngen in einen kauzigen Kobold, eine einsame Elfe tanzt ihren Tanz, ein verzauberter Schwan hofft auf Erlösung, immer wieder blitzen Erinnerungen an Franz Schubert auf, liegt der Duft des Wiener Waldes im Raum oder die ausgelassene Fröhlichkeit eines Heurigen …
Und: Es wird getanzt und getanzt und getanzt – auf Spitze, auf flacher Sohle, in Schläppchen und Gummistiefeln. In einem atemberaubenden Reigen entfaltet sich das ganze Kompendium Schläpferscher Tanzkunst. Auf die Unbeschwertheit von Franz Schuberts „Forellenquintett“ antworten die vielen schwerelosen Sprünge, drehfreudigen Pirouetten, so weit wie möglich in die Höhe gehobenen Arabesquen und virtuosen Entrechats. Das Unruhige, Flirrende, Wirre ist Programm.
Doch zweimal, bleibt die Welt stehen in diesem geradezu tollen Treiben. In einem lyrischen Ensemble, das an die Schwerelosigkeit der romantischen Actes blanches erinnert, zugleich aber im schier endlosen Stehen auf Spitze auch ein schmerzliches Aushalten ist, wachsen im langsamen zweiten Satz Architektur und Plastizität, Konstruktives und Ausdruckhaftes zu einer spannungsvollen Einheit zusammen, in deren hochkonzentrierter Schönheit etwas zutiefst Beunruhigendes mitschwingt. Dass Martin Schläpfer immer auch ein großer Geschichtenerzähler ist, zeigt dagegen der Forellen-Variations-Satz – ein atemberaubender Pas de deux, in dem sich das Geschichtchen von der Forelle zu einem teuflischen Kampf zwischen Mensch und Tier, Mann und Frau hin öffnet.
MUSIK
„Don’t be shy“ von The Libertines
Quintett für Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass A-Dur D 667 („Forellenquintett“) von Franz Schubert
Klavier Christoph Altstaedt
Violine Siegfried Rivinius
Viola Mathias Feger
Violoncello Fulbert Slenczka
Kontrabass Rainer Mahlberg
Reformationssymphonie
Martin Schläpfer
„Ein Schlachtlied war jener trotzige Gesang, womit er Luther und seine Begleiter in Worms einzogen“, schrieb Heinrich Heine über das 1529 entstandene Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“, das sich längst zu einer Art Hymne der Protestanten entwickelt hatte. Und weiter: „Der alte Dom zitterte bey diesen neuen Klängen, und die Raben erschraken in ihren obscuren Thurmnestern. Jenes Lied, die Marseiller Hymne der Reformazion, hat bis auf unsere Tage seine begeisternde Kraft bewahrt“ – eine Kraft, die auch Felix Mendelssohn Bartholdy gespürt haben mag, als er im Januar 1831 aus Rom nach der ausgiebigen Lektüre Lutherscher Liedtexte an seinen Freund Klingemann berichtete: „Wie da jedes Wort nach Musik ruft, wie jede Strophe ein anderes Stück ist, wie überall ein Fortschritt, eine Bewegung, ein Wachsen sich findet, das ist gar zu herrlich.“ Seine „Reformationssymphonie“ war zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen, diese „geistliche Instrumentalmusik“, in der die für Mendelssohns musikalische Sprache so typische Reinheit und versponnene Schönheit aufgebrochen erscheint bis hinein in ungewöhnlich harte formale Zerklüftungen – als wollte der junge Komponist die Widersprüche seiner Zeit schroff gegeneinanderstellen in einer ganz eigenen Gedanken- und Klangwelt, die über das Absolute der Musik weit hinausweist hinein in die wesentlichen Fragen des Menschseins.
Der zweifelnde Mensch, hin und hergeworfen zwischen Selbstbehauptung und dem Gefühl des Ausgeliefertseins, ringend um Liebe und Erkenntnis, ist ein zentrales Thema auch im Schaffen des Choreographen Martin Schläpfer. Wie zu einer Schlacht formiert sich in seinem Ballett „Reformationssymphonie“ immer wieder das Ensemble. Hart wie Stahl sind die Körper gespannt, mit gefährlicher Aggressivität werden die schwarzen Spitzenschuhe der Tänzerinnen in den Boden gerammt oder dieser mit wildem, erdigem Stampfen getreten. Doch auch die luftigen Höhen kennt die Welt dieses Tanzstücks: in den hohen Beinen der Frauen auf Spitze, den extremen, von aller Erdenschwere befreiten Sprüngen der Männer, der verletzlichen Sehnsucht und äußersten Fragilität vieler Passagen oder der berückend-schönen Schwerelosigkeit des Andantes, wenn jedes der sieben Paare ein eigenes Pas de deux tanzt und doch alle im Fluss der Musik aufgehen.
„Reformationssymphonie“ ist mehr als nur ein Ballett. Es ist die eindringliche Frage nach dem Tanzen an sich, nach der Bewegung und mehr: nach dem, was hinter dieser liegt.
Orchester Duisburger Philharmoniker
reprise.02
Neither Martin Schläpfer
Mit „Neither“ schuf Martin Schläpfer 2010 ein von Publikum und Presse in seltener Einhelligkeit bejubeltes Werk. Drei Vorstellungen im Opernhaus Düsseldorf geben 2012 die Gelegenheit zu einer Wiederbegegnung.
Morton Feldman komponierte „Neither“ 1976 77 auf 87 Worte von Samuel Beckett. Eine sprachlich äußerst knappe, abstrakte und in ihren zahllosen Verneinungen geradezu verkeilte Gedankenkonstruktion über das Thema der Vergeblichkeit. Für Martin Schläpfer eine „Musik der Zwischenräume – und damit genau das, was für mich Tanz auch sein kann. Mir erscheint diese Partitur wie ein Organismus, wie eine Lunge oder auch ein Dschungel, den man durchschreitet, ohne zu wissen, ob der Weg, den man wählt, der richtige ist – oder radikaler formuliert: Jeder Weg könnte der richtige sein. Man geht in eine Welt hinein, die einen an einen völlig anderen Ort versetzt – und wenn man am Ende aus dieser wieder herausgefunden hat, ist man zumindest tangiert, vielleicht auch verändert, aber man weiß nicht warum.“
Martina Wohlthat berichtete in der Neuen Zürcher Zeitung: „Tanz von großer Durchlässigkeit und Schutzlosigkeit des Individuums mit ungeglätteter Wahrhaftigkeit und betont körperlichen Zügen. Man bekommt als Zuschauer den Eindruck, dass die Tänzer ganz bei sich selbst sind und ihnen daraus eine neue Freiheit zuwächst. Der Tanz stellt in Martin Schläpfers Choreografie ‚Neither‘ mehr Fragen, als dass er Antworten gibt, bleibt auf der Suche nach dem Dazwischen spannungsvoll in der Schwebe. Besser als jede tänzerische Gewissheit korrespondiert dies mit jenem erratischen ‚Weder‘, das Feldmans Stück im Titel trägt.“ Und Stephan Müller schrieb im Kulturmagazin Du: „Das Verdienst Schläpfers ist es, die rätselhafte Vergeblichkeit, die wunderliche Deutungsstille der textlichen und musikalischen Vorlage in Tanz umzusetzen. Er schmilzt dabei das Arsenal der Tanzgeschichte so zusammen, dass ein Gesamtbild entsteht von Wartenden, Wagenden, Aufschreckenden, Zitternden, Feiernden, Suchenden, Rasenden.“
MUSIK
Neither
Oper in einem Akt von Morton Feldman
Text von Samuel Beckett
Dates:
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